{"id":12250,"date":"2020-12-07T07:00:32","date_gmt":"2020-12-07T06:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/mwehle.eu\/wp\/?p=12250"},"modified":"2020-12-07T11:38:51","modified_gmt":"2020-12-07T10:38:51","slug":"07-12-1970","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wehle.ee\/wp\/?p=12250","title":{"rendered":"07.12.1970"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kniefall_von_Warschau\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-12249\" src=\"https:\/\/mwehle.eu\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/warschauer-kniefall.jpg\" alt=\"\" width=\"860\" height=\"577\" srcset=\"https:\/\/mwehle.eu\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/warschauer-kniefall.jpg 860w, https:\/\/mwehle.eu\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/warschauer-kniefall-300x201.jpg 300w, https:\/\/mwehle.eu\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/warschauer-kniefall-768x515.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 860px) 100vw, 860px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/donald-tusk-willy-brandt-kniefall-1.5139078\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Donald Tusk<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p><span class=\"\" style=\"font-size: x-large; font-weight: bold; font-family: sans-serif;\">&#8222;Man musste irgendetwas tun&#8220;<\/span><br \/>\nMit dieser Geste hatten eigentlich alle irgendein Problem. F\u00fcr den Ersten Sekret\u00e4r der Kommunistischen Partei Polens, W\u0142adys\u0142aw Gomu\u0142ka, war der Besuch Willy Brandts die Kr\u00f6nung seiner jahrelangen Bem\u00fchungen um die Anerkennung der Oder-Nei\u00dfe-Grenze. Das war nicht einfach gewesen, auch weil Walter Ulbricht aus seinem \u00c4rger kein Geheimnis machte: schlie\u00dflich hatte die DDR die Grenze schon lange anerkannt &#8211; wozu brauchte Polen jetzt unbedingt auch die westdeutsche Best\u00e4tigung? Gomu\u0142ka allerdings wusste genau, welche gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr ihn eine solche Erkl\u00e4rung von beiden deutschen Staaten hatte, und deswegen sollte der Besuch Brandts zu seinem ganz pers\u00f6nlichen Triumph werden. Gomu\u0142ka wollte im Mittelpunkt des Ereignisses\u00a0stehen.<\/p>\n<p>Objektiv gesehen, war der Besuch tats\u00e4chlich ein Erfolg f\u00fcr Warschau. Auf diese Weise war f\u00fcr die Bewohner der polnischen Westgebiete (also des vom Dritten Reich verlorenen Terrains) endlich die Zeit der Unsicherheit vorbei. Ob in Stettin oder Breslau &#8211; diese Unsicherheit war damals immer noch sehr gegenw\u00e4rtig: die Menschen dachten, wom\u00f6glich seien die Nachkriegs\u00adgrenzen nur ein Provisorium, das die n\u00e4chste geopolitische Umw\u00e4lzung nicht \u00fcberleben\u00a0w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Wenn Brandt vor dem Grabmal des Unbekannten Soldaten gekniet h\u00e4tte: das h\u00e4tte man noch in den offiziellen Narrativ einbauen k\u00f6nnen, aber vor dem Ghettodenkmal? Gomu\u0142kas Verlegenheit war auch deswegen so gro\u00df, weil dieser gerade erst vor zwanzig Monaten eine ekelhafte antisemitische Kampagne losgetreten hatte, wegen der Tausende polnischer Juden &#8211; Holocaust-\u00dcberlebende &#8211; das Land f\u00fcr immer verlassen hatten. Und die, die geblieben waren, verloren ihre Arbeitspl\u00e4tze und wurden ziemlich grausam schikaniert. Auch das war ein Grund, warum der Kniefall vor dem Ghetto\u2014Denkmal erfolgreich von der kommunistsichen Zensur aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis der Polen f\u00fcr viele Jahre gel\u00f6scht\u00a0wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u03a9\u00a0\u03a9\u00a0\u03a9<\/p>\n<p>In einem Gespr\u00e4ch im Familienkreis beschrieb er [Brandt] seine Motive allerdings auf prosaischere und vielleicht auch ehrlichere Weise: &#8222;Man musste irgendetwas tun.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u03a9\u00a0\u03a9\u00a0\u03a9<\/p>\n<p class=\" css-0\">\u2026begannen kaum eine Woche nach dem Besuch Brandts ganz andere Ereignisse und Symbole, unsere Emotionen zu\u00a0pr\u00e4gen.<\/p>\n<p class=\" css-0\">Am 13. Dezember beschloss Gomu\u0142ka eine drastische Erh\u00f6hung der Lebensmittel\u00adpreise. Schon am Tag darauf brachen Proteste aus, die von Polizei und Milit\u00e4r blutig niedergeschlagen wurden. In meiner Stadt brannte die Zentrale der Kommunistischen Partei, auf streikende Werftarbeiter und Demonstranten wurde in den Stra\u00dfen geschossen, und zuf\u00e4llige Passanten niedergekn\u00fcppelt. Zum ersten Mal im Leben sp\u00fcrte ich am eigenen Leib, was Unterdr\u00fcckung durch ein autorit\u00e4res System eigentlich\u00a0hei\u00dft.<\/p>\n<p>Zum Symbol des Jahres 1970 wurde also f\u00fcr mich, wie auch f\u00fcr das kollektive Ged\u00e4chtnis der Polen, nicht die historische Geste Brandts, sondern Tote und Br\u00e4nde in den Stra\u00dfen unserer Stadt. Ironie der Geschichte: dieser blutige Aufstand spielte sich ab in Danzig, Stettin und Elbing, also just in den Gebieten, deren Zugeh\u00f6rigkeit zu Polen gerade durch Gomu\u0142ka und Brandt endg\u00fcltig best\u00e4tigt worden\u00a0war.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u03a9\u00a0\u03a9\u00a0\u03a9<\/p>\n<p class=\" css-0\">Aber kehren wir zur\u00fcck zu den Worten Willy Brandts: &#8222;Man musste irgendetwas tun.&#8220; Wenn ich heute zur\u00fcck blicke, verstehe ich sehr gut, wie wichtig dieser ganz einfache Imperativ ist. Nicht endlos kombinieren und kalkulieren. Ich wei\u00df ja nicht genau, wie es in Wirklichkeit ablief, aber ich will glauben, dass er niederkniete, weil &#8222;man etwas tun muss.&#8220; So wie damals, als er eine norwegische Uniform anzog. So wie diese Polen, die unter Lebensgefahr in der Shoah Juden versteckten, so wie die Danziger Arbeiter, die sich den Panzern entgegen stellten. So wie heute die Frauen in Minsk, in Belarus, die demonstrieren, obwohl sie niedergekn\u00fcppelt werden. Ganz zu schweigen von den Helden des Warschauer Ghettos, die auch wussten, dass &#8222;man etwas tun\u00a0musste&#8220;.<\/p>\n<p class=\" css-0\">Diese essentielle Botschaft ist heute so g\u00fcltig und so wichtig wie eh und je. Ich m\u00f6chte sie allen Europ\u00e4ern widmen, und besonders den europ\u00e4ischen Politikern. Wenn wir unseren Werten treu bleiben wollen, dann m\u00fcssen wir manchmal niederknien. Und manchmal auf den Barrikaden stehen. Mutig und kompromisslos im Angesicht des B\u00f6sen, bescheiden im Angesicht der Wahrheit und des Leidens. So wie Willy Brandt am <span class=\"\" style=\"white-space: nowrap;\">7. Dezember\u00a01970<\/span>.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donald Tusk: &#8222;Man musste irgendetwas tun&#8220; Mit dieser Geste hatten eigentlich alle irgendein Problem. 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