{"id":13881,"date":"2021-02-21T13:48:56","date_gmt":"2021-02-21T12:48:56","guid":{"rendered":"https:\/\/mwehle.eu\/wp\/?p=13881"},"modified":"2021-02-21T14:55:31","modified_gmt":"2021-02-21T13:55:31","slug":"13881","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wehle.ee\/wp\/?p=13881","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2021\/08\/usa-krise-corona-gesellschaft-westen-stagnation\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andreas Reckwitz, Die Zeit<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Weit weniger Emotionalit\u00e4t verspricht ein drittes Beschreibungsmuster: das der Stagnation. Daf\u00fcr ist es soziologisch durchaus plausibel. Vieles spricht daf\u00fcr, dass die USA mittlerweile tats\u00e4chlich den Prototyp einer Gesellschaft der Stagnation darstellen. Stagnation hei\u00dft: Die Gesellschaft hat Strukturen ausgebildet, die problematisch erscheinen, diese Probleme werden jedoch nicht aufgel\u00f6st, vielmehr bleiben die Strukturen \u00fcber Jahrzehnte stabil. Keineswegs muss eine Gesellschaft der Stagnation also kollabieren. Es geht in ihr weder aufw\u00e4rts noch abw\u00e4rts, es geht schlichtweg &#8222;immer weiter&#8220;. Vieles funktioniert in ihr leidlich gut, und betr\u00e4chtliche soziale Gruppen sind zufrieden \u2013 die Diagnose der Regression w\u00e4re also viel zu dramatisch. Zugleich l\u00e4uft jedoch eine Endlosschleife der immer gleichen Probleme, \u00fcber die best\u00e4ndig debattiert wird, deren Grundstrukturen aber mehr oder minder unver\u00e4ndert bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u03a9\u00a0\u03a9\u00a0\u03a9<\/p>\n<p>Die Diagnose der Stagnation entt\u00e4uscht gleich zwei Erwartungen gegen\u00fcber der modernen Gesellschaft: zum einen die Vorstellung einer Normalit\u00e4t st\u00e4ndigen sozialen Wandels, einer Dynamik in Permanenz. Denn tut sich nicht st\u00e4ndig etwas Neues? Die Politik bietet immer neue Dramatik, und das Internet l\u00e4uft hei\u00df. Aber es ist kaum mehr als eine scheinbare Dynamik, die amerikanische Gesellschaftsstruktur ist seit den 1990er-Jahren recht stabil. Ohne Zweifel gab es in den USA Phasen erheblichen sozialen Wandels, und die Zeit der 1970er- bis 1990er-Jahre war eine solche; aber danach setzte eher eine Phase des dynamischen Immobilismus ein. Die zweite Entt\u00e4uschung lautet: Das Fortschrittsnarrativ macht uns in seinem Vertrauen in eine historische Rationalit\u00e4t glauben, dass der Einsicht in gesellschaftliche Probleme eine L\u00f6sung dieser Probleme folgen werde, etwa \u00fcber Reformen. Nun aber gilt: Dieses Muster von Problem und L\u00f6sung ist nicht zwangsl\u00e4ufig. Anerkannte gesellschaftliche Miseren k\u00f6nnen sich auch \u00fcber Jahrzehnte hinschleppen, weil keine effiziente L\u00f6sung sichtbar oder diese nicht durchsetzbar ist.<\/p>\n<p>Die Merkmale der Gesellschaft der Stagnation sind mittlerweile wohlbekannt. Das Kernproblem besteht in der asymmetrischen Sozialstruktur, in der die Gewinner und die Verlierer der Postindustrialisierung der \u00d6konomie und der Lebenswelten, die seit den 1970er-Jahren die amerikanische Gesellschaft umgepfl\u00fcgt hat, einander wie Parallelgesellschaften gegen\u00fcberstehen. An die Stelle jener von manchen fast mythisch \u00fcberh\u00f6hten, sozial recht egalit\u00e4ren und kulturell homogenen\u00a0<em>middle class<\/em>\u00a0der Nachkriegszeit ist ein Paternoster von Auf- und Abstiegsprozessen getreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u03a9\u00a0\u03a9\u00a0\u03a9<\/p>\n<p>Man hat allerdings nicht den Eindruck, dass Deutschland sich der besonderen Rolle bewusst ist, die ihm so mittlerweile stillschweigend zugewachsen ist: Im Kreis der vier gro\u00dfen L\u00e4nder, die den Kern des westlichen Gesellschaftsmodells auf globaler Ebene repr\u00e4sentieren, k\u00f6nnte es potenziell wohl noch am ehesten demonstrieren, dass gesellschaftliche Stagnation nicht das langfristige Schicksal des westlichen Entwicklungspfades sein muss. Stagnierende Gesellschaften mit beharrlich andauernden Problemlagen k\u00f6nnen sich allerdings als erstaunlich stabil darstellen. Inwiefern die USA auch in dieser Hinsicht ein Vorbild sind, wird sich erweisen.<\/p><\/blockquote>\n<p>This is really pretty interesting for a couple reasons: I continually see American left commentators making dire predictions about Christian fascist futures, see for instance <a href=\"https:\/\/scheerpost.com\/2021\/02\/01\/hedges-papering-over-the-rot\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Chris Hedges, ScheerPost<\/a>, or see frequent references to The Handmaid&#8217;s Tale, which Reckwitz also mentions in this article. In American society I don&#8217;t see so much evidence of any sort of generally accepted overarching ideology but rather a recognition of precarity, however. Reckwitz posits a quite believable scenario here, albeit one without the drama of apocalypse which many writers seem drawn to\/reassuringly relieved of responsibility by. His suggestion that Germany may continue to avoid the extreme class stratification of the US is also inspiring, and <span class=\"\" style=\"white-space: nowrap;\">Die Gr\u00fcnen&#8217;s<\/span> continuing fortunes seem to support this.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas Reckwitz, Die Zeit: Weit weniger Emotionalit\u00e4t verspricht ein drittes Beschreibungsmuster: das der Stagnation. Daf\u00fcr ist es soziologisch durchaus plausibel. Vieles spricht daf\u00fcr, dass die USA mittlerweile tats\u00e4chlich den Prototyp einer Gesellschaft der Stagnation darstellen. 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